Fliegenpilz in Sibirien: Korjaken, Tschuktschen und Ewenken

Fliegenpilz in Sibirien: Korjaken, Tschuktschen und Ewenken

Das Wichtigste in Kürze · 6 Min. Lesezeit

  • Am besten belegt ist der Fliegenpilz bei Korjaken und Itelmenen auf Kamtschatka, dazu bei Tschuktschen und westsibirischen Völkern.
  • Frühe Quellen: Strahlenberg 1730 und Krascheninnikow 1755; um 1900 folgten die Monografien von Jochelson und Bogoras.
  • Bei Korjaken und Tschuktschen war der Pilz kein reines Schamanen-Werkzeug, sondern gehörte zu Festen, Bewirtung und Handel.
  • Für die Ewenken, aus deren Sprache das Wort „Schamane“ stammt, ist ein Fliegenpilz-Ritual kaum belegt.
  • Die Weihnachtsmann-Theorie hat in diesen Quellen keine Grundlage – und der Pilz bleibt giftig.

Ja, der Fliegenpilz spielte bei mehreren Völkern im Nordosten Sibiriens eine gut dokumentierte Rolle – am dichtesten belegt bei den Korjaken und Itelmenen auf Kamtschatka, außerdem bei den Tschuktschen und bei westsibirischen Völkern wie den Chanten. Fast alles, was wir darüber wissen, stammt allerdings von Außenstehenden: von einem schwedischen Kriegsgefangenen, von Teilnehmern russischer Expeditionen und von Ethnografen um 1900.

Diese Berichte sind wertvoll, aber sie sind Beobachtungen von Fremden, geschrieben mit dem Blick ihrer Zeit. Im Folgenden trennen wir, was die Quellen tatsächlich hergeben, von dem, was spätere Populärliteratur daraus gemacht hat. Rituale beschreiben wir historisch – ohne Anleitung und ohne Schilderung von Wirkungen.

Welche Völker sind gemeint?

„Sibirische Schamanen“ klingt nach einer einheitlichen Kultur. Tatsächlich geht es um sehr unterschiedliche Gemeinschaften mit eigenen Sprachen, Wirtschaftsweisen und Glaubensvorstellungen:

  • Korjaken: im Norden Kamtschatkas und auf dem angrenzenden Festland; teils Rentierhalter, teils sesshafte Küstenbewohner, die von Fischfang und der Jagd auf Meeressäuger lebten.
  • Itelmenen (früher „Kamtschadalen“ genannt): im Süden und in der Mitte Kamtschatkas.
  • Tschuktschen: auf der Tschuktschen-Halbinsel im äußersten Nordosten, ebenfalls in Rentier- und Küstengruppen.
  • Chanten und Mansen: finno-ugrische Völker am Fluss Ob in Westsibirien.
  • Ewenken: ein tungusisches Volk, verbreitet vom Jenissei bis zum Pazifik. Aus ihrer Sprache gelangte über das Russische das Wort „Schamane“ in die europäischen Sprachen.

Gerade die Ewenken zeigen, wie leicht sich Bilder vermischen: Sie haben dem Schamanismus seinen Namen gegeben, doch in den bekannten Beschreibungen ewenkischer Schamanen stehen Trommel, Gesang und Tanz im Mittelpunkt – der Fliegenpilz wird dort kaum erwähnt.

Der erste ausführliche Bericht: Strahlenberg 1730

Philipp Johann von Strahlenberg war ein schwedischer Offizier, der nach der Schlacht bei Poltawa 1709 in russische Gefangenschaft geriet und rund zwölf Jahre in Sibirien verbrachte. 1730 veröffentlichte er ein umfangreiches Werk über den Norden und Osten Europas und Asiens, das 1736 und 1738 auch auf Englisch erschien und damit ein großes Publikum erreichte.

Über die Korjaken berichtete Strahlenberg, dass russische Händler getrocknete Fliegenpilze zu ihnen brachten und gegen Pelze eintauschten. Wohlhabende Familien legten demnach Vorräte für den Winter an und verwendeten die Pilze bei Festen. Das bekannteste Detail seines Berichts: Ärmere Korjaken sollen den Urin von Festteilnehmern getrunken haben, um ebenfalls Anteil zu haben. Genau dieses Detail wurde später unzählige Male zitiert – und oft verfälscht, wie der Artikel über Rentiere und die Urin-Legende zeigt.

Krascheninnikow, Steller und die Kamtschatka-Expedition

Wenige Jahre später reisten Wissenschaftler im Auftrag der russischen Krone nach Kamtschatka. Stepan Krascheninnikow, Teilnehmer der Zweiten Kamtschatka-Expedition, veröffentlichte 1755 seine „Beschreibung des Landes Kamtschatka“ – nach heutigem Kenntnisstand die erste russische Schilderung des Fliegenpilzgebrauchs. Er beschrieb Korjaken und Itelmenen, bei denen der Pilz vor allem bei Festen und Gastmählern eine Rolle spielte.

Auch der deutsche Naturforscher Georg Wilhelm Steller, der an derselben Expedition teilnahm, hielt Beobachtungen zu Kamtschatka fest; sein Werk erschien erst nach seinem Tod. Beide schrieben als gebildete Europäer über Menschen, deren Sprachen sie nur teilweise verstanden. Ihre Texte verraten deshalb viel über Alltag und Handel, aber wenig über die Bedeutung, die die Beteiligten selbst dem Pilz zuschrieben.

Späte Ethnografie: Jochelson und Bogoras

Um 1900 entstanden die bis heute wichtigsten Monografien. Waldemar Jochelson veröffentlichte zwischen 1905 und 1908 „The Koryak“, Waldemar Bogoras zur selben Zeit „The Chukchee“ – beide im Rahmen der Jesup North Pacific Expedition des American Museum of Natural History. Anders als die Reisenden des 18. Jahrhunderts lebten sie lange unter den Menschen, über die sie schrieben, und zeichneten auch Erzählungen und Lieder auf.

Jochelson notierte korjakische Mythen, in denen die Fliegenpilze als eigenständige Geistwesen auftreten und mit dem Kulturheros Großer Rabe verbunden sind. Das ist ein wichtiger Hinweis: Der Pilz war nicht nur Handelsware, sondern Teil einer erzählten Welt. Bogoras beschrieb die Tschuktschen, bei denen der Fliegenpilz ebenfalls bekannt war.

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Welche Rolle spielte der Pilz im Ritual?

Hier liegt der größte Unterschied zwischen Quellen und Klischee. Nach den meisten Berichten war der Fliegenpilz bei Korjaken und Tschuktschen kein exklusives Werkzeug von Schamanen. Er gehörte zu Festen, zur Bewirtung von Gästen und zum geselligen Leben – für jene, die ihn sich leisten konnten. Bei westsibirischen Völkern wie den Chanten wird er dagegen eher mit Schamanen in Verbindung gebracht.

Die folgende Übersicht fasst die Quellenlage vereinfacht zusammen:

Volk Region Wichtige Quellen Rolle laut Berichten
Korjaken Nord-Kamtschatka Strahlenberg, Krascheninnikow, Jochelson Feste, Bewirtung, Handel, Mythen; nicht nur Schamanen
Itelmenen Süd- und Mittelkamtschatka Krascheninnikow, Steller Feste und Gastmähler
Tschuktschen Tschuktschen-Halbinsel Bogoras bekannt; weniger Einzelheiten überliefert
Chanten, Mansen Westsibirien (Ob) verschiedene Ethnografen eher mit Schamanen verbunden
Ewenken Mittel- und Ostsibirien kaum spezifische Belege Namensgeber des Wortes „Schamane“, Pilz selten erwähnt

Wichtig für die Einordnung: Aus diesen Berichten lässt sich keine allgemeine „sibirische Pilzreligion“ ableiten. Jede Gemeinschaft hatte eigene Regeln, und für viele Völker Sibiriens ist ein ritueller Gebrauch überhaupt nicht belegt. Einen breiteren Überblick über andere Weltregionen gibt der Beitrag zur Geschichte der Verwendung von Amanita muscaria.

Handel, Knappheit und Wert

Warum tauschten Rentierhalter wertvolle Pelze gegen getrocknete Pilze? Die gängige Erklärung ist botanisch. Der Fliegenpilz lebt in einer Symbiose mit Birken und Nadelbäumen; in der baumarmen Tundra, in der viele Rentierkorjaken ihre Herden weideten, wächst er kaum. Wer ihn haben wollte, war auf Händler oder auf Nachbarn aus bewaldeten Gebieten angewiesen.

Transportiert und gelagert wurden die Pilze getrocknet – ein Umstand, der in mehreren Berichten auftaucht. Die russische Bezeichnung „Muchomor“ gelangte über diese Kontakte auch in die europäischen Reiseberichte; mehr zur Wortherkunft lesen Sie im Artikel warum der Fliegenpilz Fliegenpilz heißt.

Wie spätere Autoren die Berichte weitertrugen

Im 20. Jahrhundert wurden die sibirischen Quellen zum Fundament weitreichender Theorien. R. Gordon Wasson stellte sie 1968 in seinem Buch über Soma zusammen, um zu begründen, dass der Opfertrank des Rigveda aus dem Fliegenpilz bereitet worden sein könnte. Die Argumente und die Kritik daran fasst unser Artikel zur Wasson-These über Soma und den Rigveda zusammen. Schon 1784 hatte Samuel Ødmann mit Blick auf die sibirischen Berichte vermutet, auch die nordischen Berserker hätten den Pilz gekannt; wie belastbar das ist, prüft der Beitrag Berserker und Fliegenpilz: Mythos oder Geschichte.

Die jüngste und populärste Ableitung ist die Behauptung, der Weihnachtsmann gehe auf sibirische Schamanen zurück, die in Rot und Weiß durch den Rauchabzug ihrer Behausung gestiegen seien. Für diese Verbindung gibt es keine historischen Belege; sie verknüpft Motive, die in den Quellen nichts miteinander zu tun haben. Was dahintersteckt, erklärt der Artikel über den Weihnachtsmann und die Fliegenpilz-Theorie.

Respektvoll einordnen

Die Völker Kamtschatkas und Tschukotkas gibt es bis heute. Ihre Geschichte wurde über Jahrhunderte vor allem von anderen erzählt – von Beamten, Händlern und Forschern, die den Fliegenpilzgebrauch oft als Kuriosität darstellten. Wer sich für das Thema interessiert, sollte diese Schieflage mitdenken und die Quellen nicht als vollständiges Bild einer Kultur lesen.

Ebenso wichtig: Historische Berichte sind kein Hinweis darauf, dass der Pilz harmlos wäre. Der Fliegenpilz ist giftig, Vergiftungen sind gut dokumentiert. Symptome und richtiges Verhalten beschreibt der Artikel zur Fliegenpilz-Vergiftung mit Erste-Hilfe-Hinweisen; im Verdachtsfall hilft der Giftnotruf.

Fazit: Gut belegt, aber anders als das Klischee

Der Fliegenpilz hatte bei Korjaken, Itelmenen, Tschuktschen und einigen westsibirischen Völkern nachweislich eine kulturelle Bedeutung – als Handelsgut, bei Festen und in Mythen. Das verbreitete Bild vom sibirischen Schamanen, der allein mit dem Pilz arbeitet, entspricht den Quellen dagegen nur teilweise, und für Völker wie die Ewenken ist ein ritueller Gebrauch kaum belegt.

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Häufige Fragen

Woher stammt das Wort Schamane?

Es kam über das Russische aus der Sprache der Ewenken, eines tungusischen Volkes in Sibirien. Mit dem Fliegenpilz hat die Wortherkunft nichts zu tun.

Haben in Sibirien nur Schamanen den Fliegenpilz verwendet?

Nein. Die Quellen zu Korjaken und Tschuktschen verbinden ihn vor allem mit Festen und Gastfreundschaft; eine enge Bindung an Schamanen wird eher aus Westsibirien berichtet.

Wer hat als Erster über den Fliegenpilz in Sibirien geschrieben?

Als früher ausführlicher Bericht gilt das 1730 erschienene Werk des schwedischen Offiziers Philipp Johann von Strahlenberg. Die erste russische Beschreibung lieferte Stepan Krascheninnikow 1755.

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Titelbild: 颜邯, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

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