Berserker und Fliegenpilz: Mythos oder Geschichte?

Berserker und Fliegenpilz: Mythos oder Geschichte?

Das Wichtigste in Kürze · 5 Min. Lesezeit

  • Keine altnordische Quelle erwähnt Pilze im Zusammenhang mit Berserkern.
  • Die Fliegenpilz-These stammt von Samuel Ødmann (1784) und beruht auf Reiseberichten aus Sibirien.
  • Das typische Vergiftungsbild mit Verwirrtheit und Schläfrigkeit passt schlecht zur überlieferten Kampfwut.
  • Karsten Fatur (2019) hält Bilsenkraut für plausibler – ebenfalls ohne direkten Beleg.
  • Auch Alkohol, Ritual und literarische Überhöhung gelten als mögliche Erklärungen.

Dass Wikinger-Berserker sich mit Fliegenpilzen in Kampfwut versetzten, ist nicht belegt. Keine altnordische Quelle erwähnt Pilze. Die Idee stammt von dem schwedischen Theologen Samuel Ødmann, der sie 1784 aus Berichten über sibirische Völker ableitete. Heute halten viele Fachleute sie für unwahrscheinlich; diskutiert werden auch Bilsenkraut, Alkohol sowie rituelle oder psychische Ausnahmezustände.

Die Frage ist ein gutes Beispiel dafür, wie aus einer Vermutung des 18. Jahrhunderts vermeintliches Allgemeinwissen wurde. Ein Blick auf die Quellen lohnt sich.

Wer waren die Berserker?

Die frühesten Erwähnungen stammen aus der Skaldendichtung. Im Gedicht „Haraldskvæði“, das dem Skalden Þorbjörn hornklofi zugeschrieben und um 900 datiert wird, kämpfen Berserker und „Wolfspelze“ (úlfheðnar) in der Schlacht am Hafrsfjord an der Seite König Haralds. Viel ausführlicher ist die Ynglinga saga, die Snorri Sturluson im 13. Jahrhundert niederschrieb. Dort heißt es, Odins Krieger seien ohne Brünne in den Kampf gezogen, wild wie Hunde oder Wölfe, hätten in ihre Schilde gebissen und seien stark wie Bären oder Stiere gewesen.

Der Name wird meist als „Bärenhemd“ gedeutet, nach altnordisch ber- für Bär und serkr für Hemd. Eine andere Lesart versteht ihn als „bloßes Hemd“, also Kampf ohne Rüstung. In den späteren Isländersagas treten Berserker oft als Raufbolde und Gegenspieler auf, die der Held besiegt. Ein berühmtes Bild liefern die Lewis-Schachfiguren aus dem 12. Jahrhundert: Einige der Turmfiguren beißen in ihre Schilde und werden gern als Berserker gedeutet.

Bildliche Darstellungen von Kriegern in Tierfellen gibt es schon vor der Wikingerzeit, etwa auf den Pressblechen von Torslunda auf der Insel Öland aus dem 6. oder 7. Jahrhundert. Sie sprechen für eine ältere Tradition von Tierkriegern, auf die sich der Begriff Berserker später bezog.

Samuel Ødmann und die These von 1784

Samuel Ødmann war ein schwedischer Theologe mit großem Interesse an Naturkunde. 1784 veröffentlichte er einen Aufsatz, in dem er die Berserkerwut aus der Naturgeschichte erklären wollte. Seine Grundlage waren keine nordischen Quellen, sondern Reiseberichte aus Sibirien, nach denen dortige Völker den Fliegenpilz rituell nutzten. Ødmann schloss daraus, die alten Nordleute könnten ähnlich gehandelt haben.

Das ist der entscheidende Punkt: Die These war von Anfang an ein Analogieschluss. Sie beruhte nicht auf einem Fund oder einer Textstelle, sondern auf der Übertragung ethnografischer Berichte über eine ganz andere Kultur. Wer diese sibirischen Quellen genauer kennenlernen möchte, findet sie im Beitrag über den Fliegenpilz bei sibirischen Völkern.

Wie aus der Vermutung ein Mythos wurde

Im 19. und 20. Jahrhundert wurde Ødmanns Idee immer wieder abgeschrieben, oft ohne Hinweis darauf, wie dünn ihre Grundlage war. 1956 griff der amerikanische Neurologe Howard Fabing sie in einem Aufsatz erneut auf. Später trugen populäre Sachbücher, Dokumentationen und schließlich das Internet sie weiter – bis sie vielen als Tatsache galt.

Die Erklärung ist bis heute beliebt, weil sie einfach ist: Ein rätselhaftes Verhalten bekommt eine greifbare Ursache. Zudem wächst der Fliegenpilz tatsächlich in Skandinavien, und sein wildes Rot passt ins Bild ungezähmter Nordmänner. Aus Sicht der Geschichtswissenschaft ersetzt eine plausibel klingende Geschichte aber keinen Beleg.

Das Muster kennen Sie womöglich von anderen Fliegenpilz-Geschichten. Auch die berühmte Soma-These von R. Gordon Wasson und die moderne Deutung vom Weihnachtsmann als Schamane verbinden weit entfernte Kulturen über Analogien. Eine Sammlung solcher populären Behauptungen prüft unser Beitrag zu verbreiteten Fliegenpilz-Irrtümern.

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Was gegen den Fliegenpilz spricht

  • Kein Quellenbeleg: Weder Skaldendichtung noch Sagas nennen Pilze, Tränke oder Pflanzen im Zusammenhang mit der Berserkerwut.
  • Das Vergiftungsbild passt schlecht: Fliegenpilzvergiftungen verlaufen typischerweise mit Übelkeit, Verwirrtheit, Schwindel, Muskelzucken und oft ausgeprägter Schläfrigkeit. Mit dem Bild eines koordiniert kämpfenden Kriegers ist das schwer vereinbar. Wie eine solche Vergiftung abläuft, beschreibt der Ratgeber Symptome einer Fliegenpilz-Vergiftung.
  • Unberechenbarkeit: Der Gehalt an Ibotensäure und Muscimol schwankt stark von Pilz zu Pilz. Ein verlässliches Mittel für den Kampf wäre das nicht; Hintergründe bietet der Beitrag über die Inhaltsstoffe des Fliegenpilzes.
  • Literarische Stilisierung: Die ausführlichen Beschreibungen stammen aus Texten, die Jahrhunderte nach der Wikingerzeit von christlichen Autoren verfasst wurden. Schildbeißen und Tierwut können auch Stilmittel sein.

Alternative Erklärungen im Vergleich

2019 veröffentlichte der Ethnobotaniker Karsten Fatur von der Universität Ljubljana im „Journal of Ethnopharmacology“ einen Aufsatz, der schon im Titel als spekulativ gekennzeichnet ist. Er hält Schwarzes Bilsenkraut (Hyoscyamus niger) für den besseren Kandidaten und verweist unter anderem darauf, dass die Pflanze in Skandinavien bekannt war: In einem Frauengrab des 10. Jahrhunderts bei Fyrkat in Dänemark wurden Bilsenkrautsamen gefunden. Einen direkten Beleg für Berserker liefert aber auch das nicht.

Erklärung Vertreten von Stärke Schwäche
Fliegenpilz Samuel Ødmann 1784, Howard Fabing 1956 Pilz im Norden verbreitet, sibirische Parallelen keine Quelle, Vergiftungsbild passt schlecht
Bilsenkraut Karsten Fatur 2019 in Skandinavien bekannt, Samenfund im Grab von Fyrkat ebenfalls kein direkter Beleg für Berserker
Alkohol verschiedene Historiker Bier und Met waren alltäglich erklärt die besondere Raserei kaum
Rituelle oder psychische Ausnahmezustände Religions- und Kulturhistoriker passt zu Tierkriegern und Odinkult schwer überprüfbar
Literarische Überhöhung quellenkritische Forschung späte, stilisierte Texte erklärt nicht, warum Berserker schon um 900 erwähnt werden

Der Fliegenpilz im Norden: Was tatsächlich stimmt

Unstrittig ist, dass der Fliegenpilz in Skandinavien häufig vorkommt – in Birken- und Fichtenwäldern, wie sie auch das Baltikum prägen. In nordischen Nadelwäldern wächst zudem sein brauner Verwandter, der Königsfliegenpilz (Amanita regalis), den unser Steckbrief zum Königsfliegenpilz vorstellt.

Wie vorsichtig man mit angeblichen Pilzspuren in der europäischen Geschichte sein sollte, zeigt auch der Beitrag über Hexen, Aberglauben und den Fliegenpilz im Mittelalter: Bei den sogenannten Hexensalben stehen in den Quellen vor allem Nachtschattengewächse wie Bilsenkraut und Tollkirsche im Vordergrund, nicht der Fliegenpilz. Für die Einordnung gilt wie überall in der Kulturgeschichte: Der Fliegenpilz ist giftig, und eine anerkannte medizinische Verwendung gibt es nicht.

Fazit: Eine spannende Hypothese ohne Beweis

Berserker sind als Kriegertyp schon in der Dichtung um 900 bezeugt. Dass sie Fliegenpilze nutzten, ist dagegen eine Vermutung von 1784, die auf sibirischen Analogien beruht und bis heute keinen Quellenbeleg hat. Bilsenkraut, Alkohol, Ritual oder literarische Übertreibung sind mindestens ebenso plausible Erklärungen – vielleicht wirkten mehrere Faktoren zusammen.

Wer sich für die Pilze der nordischen Wälder als Sammelobjekt interessiert, findet bei uns getrocknete Fliegenpilz-Kappen aus dem Baltikum ebenso wie Königsfliegenpilz-Kappen aus nordischer Wildsammlung – für Sammler, Deko und Forschung, nicht zum Verzehr bestimmt und nur ab 18 Jahren.

Häufige Fragen

Was bedeutet das Wort Berserker?

Meist wird es als „Bärenhemd“ gedeutet, nach altnordisch ber- (Bär) und serkr (Hemd). Eine andere Lesart versteht es als „bloßes Hemd“, also Kampf ohne Rüstung.

Wer brachte die Berserker mit dem Fliegenpilz in Verbindung?

Der schwedische Theologe Samuel Ødmann im Jahr 1784. Er übertrug Berichte über sibirische Völker auf die alten Skandinavier, ohne nordische Belege dafür zu haben.

Was besagt die Bilsenkraut-These?

Der Ethnobotaniker Karsten Fatur schlug 2019 vor, dass Bilsenkraut besser zu den Schilderungen passe als der Fliegenpilz. Er selbst bezeichnet seine Überlegungen als spekulativ.

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Titelbild: Paul Hudson, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

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