Fliegenpilz und Hexen: Aberglaube, Mythos und Mittelalter

Fliegenpilz und Hexen: Aberglaube, Mythos und Mittelalter

Das Wichtigste in Kürze · 5 Min. Lesezeit

  • Im Mittelalter war der Fliegenpilz vor allem ein Mittel gegen Fliegen – beschrieben schon von Albertus Magnus im 13. Jahrhundert.
  • Die großen Hexenverfolgungen fallen nicht ins Mittelalter, sondern in die Frühe Neuzeit.
  • Überlieferte Hexensalben werden vor allem mit giftigen Nachtschattengewächsen in Verbindung gebracht, nicht mit dem Fliegenpilz.
  • Hexenringe entstehen durch ringförmig wachsendes Myzel; Hexenröhrling und Hexenei haben mit dem Fliegenpilz nichts zu tun.
  • Das Bild vom Hexenpilz ist überwiegend jünger und stammt aus Märchen, Illustrationen und modernen Thesen.

Die kurze Antwort: Im Mittelalter war der Fliegenpilz vor allem ein Hausmittel gegen Fliegen, keine Zutat im Hexenkessel. Die bekannteste mittelalterliche Quelle beschreibt ihn als Fliegengift, und in den überlieferten Beschreibungen sogenannter Hexensalben stehen andere Pflanzen im Vordergrund – allen voran giftige Nachtschattengewächse. Das Bild vom Hexenpilz ist überwiegend jünger und speist sich aus Märchen, Illustrationen und dem Volksglauben rund um Hexenringe.

Ganz aus der Luft gegriffen ist die Verbindung trotzdem nicht. Pilze wuchsen scheinbar über Nacht, manche waren tödlich, und ihre Kreise im Gras wirkten unheimlich. Dieser Beitrag trennt, was belegt ist, von dem, was später dazuerzählt wurde.

Hexen im Mittelalter? Eine Frage der Epoche

Schon die zeitliche Einordnung wird oft verwechselt. Die großen Hexenverfolgungen in Mitteleuropa fallen nicht ins Mittelalter, sondern in die Frühe Neuzeit, mit einem Schwerpunkt in der zweiten Hälfte des 16. und der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Der „Hexenhammer“ des Dominikaners Heinrich Kramer erschien 1486/87, also ganz am Ende des Mittelalters, und lieferte der späteren Verfolgung eine theologische Begründung.

Im Mittelalter selbst gab es Zaubereivorwürfe und viel Aberglauben. Das ausgearbeitete Hexenbild mit Teufelspakt, Hexenflug und Hexensabbat entstand jedoch erst im 15. Jahrhundert. Wer nach der Rolle des Fliegenpilzes im Mittelalter fragt, landet deshalb zunächst bei ganz anderen, eher alltäglichen Quellen.

Was die Quellen über den Fliegenpilz sagen

Die bekannteste mittelalterliche Erwähnung stammt von Albertus Magnus. Der Gelehrte aus dem 13. Jahrhundert beschrieb in seinem Werk über die Pflanzen einen Pilz, der zerbröselt in Milch Fliegen tötet. Aus dieser Verwendung leitet sich der Name Fliegenpilz ab, ebenso das lateinische muscaria von musca, der Fliege. Carl von Linné griff diesen Gedanken 1753 auf und nannte den Pilz Agaricus muscarius; in die Gattung Amanita stellte ihn 1783 der Franzose Jean-Baptiste de Lamarck. Die Beobachtung aus dem Haushalt ist also bis heute im wissenschaftlichen Namen erhalten. Die ganze Namensgeschichte zeichnet unser Beitrag woher der Name Fliegenpilz stammt nach.

Ob die Insekten dabei tatsächlich sterben oder nur betäubt werden, war für den Haushalt jener Zeit zweitrangig. Heute bringt man die Wirkung auf Fliegen mit den Inhaltsstoffen Ibotensäure und Muscimol in Verbindung, die in unserem Beitrag über die Inhaltsstoffe des Fliegenpilzes erklärt werden. Wichtig für das Thema Hexen: Der Pilz war ein Werkzeug des Alltags, bekannt und benannt, kein geheimes Zaubermittel.

Hexensalben: Was in den Überlieferungen steht

Die Vorstellung, Hexen hätten sich mit einer Salbe eingerieben, um zum Hexensabbat zu fliegen, taucht vor allem in Texten des 15. und 16. Jahrhunderts auf. Der italienische Gelehrte Giambattista della Porta beschrieb in der ersten Ausgabe seiner „Magia naturalis“ (1558) solche Mischungen, in denen neben Abstrusem wie Ruß und Tierfett auch giftige Pflanzen wie Eisenhut vorkommen. Welche Zutaten tatsächlich verwendet wurden, lässt sich nicht sicher sagen. Die heutige Forschung bringt die Salben vor allem mit Nachtschattengewächsen in Verbindung:

  • Tollkirsche (Atropa belladonna)
  • Schwarzes Bilsenkraut (Hyoscyamus niger)
  • Alraune (Mandragora)
  • Stechapfel (Datura)

Der Fliegenpilz spielt in diesen bekannten Überlieferungen keine tragende Rolle. Alle genannten Pflanzen sind stark giftig, schon geringe Mengen können lebensbedrohliche Vergiftungen auslösen. Das gilt ebenso für Pilze: Wie sich eine Vergiftung zeigt und was zu tun ist, beschreibt der Beitrag zu Symptomen und Erster Hilfe bei Fliegenpilz-Vergiftung. Im Notfall wenden Sie sich sofort an den Giftnotruf.

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Hexenring, Hexenröhrling, Hexenei: Hexen in der Pilzwelt

Greifbarer ist die Verbindung zwischen Hexen und Pilzen im Volksglauben und in der Sprache. Mehrere Pilznamen erinnern daran – mit dem Fliegenpilz haben aber nicht alle zu tun.

Begriff Was dahintersteckt Bezug zum Fliegenpilz
Hexenring Fruchtkörper im Kreis; das Myzel wächst vom Mittelpunkt nach außen, Pilze erscheinen am Rand. Im Volksglauben tanzten dort Hexen oder Elfen. Möglich: Fliegenpilze stehen oft in Bögen rund um ihren Partnerbaum.
Hexenröhrling Röhrlinge mit rotem Porenfeld, deren Fleisch sich beim Anschneiden blau verfärbt Keiner, eine ganz andere Pilzgruppe
Hexenei Das eiförmige Jugendstadium der Stinkmorchel Keiner; nur die Eiform erinnert an junge Fliegenpilze in ihrer Hülle
Walpurgisnacht Nacht zum 1. Mai, in der Hexen nach dem Volksglauben zum Brocken im Harz flogen Keiner: Im Frühjahr wachsen keine Fliegenpilze

Beim Hexenring lohnt ein genauer Blick. Das Pilzgeflecht breitet sich im Boden gleichmäßig nach außen aus und bildet Fruchtkörper vor allem an seinem Rand. Bei Mykorrhizapilzen wie dem Fliegenpilz hängt die Anordnung zusätzlich von den Wurzeln des Partnerbaums ab. Wo und mit welchen Bäumen er vorkommt, erklärt der Artikel über Standorte und Partnerbäume des Fliegenpilzes.

Warum der Fliegenpilz trotzdem zum Hexenpilz wurde

Dass der Fliegenpilz heute wie selbstverständlich im Hexenkessel steckt, hat mehrere Gründe:

  • Die Warnfarbe: Rot mit weißen Punkten wirkt auffällig, fremd und gefährlich – ideal für eine Welt voller Gift und Zauber.
  • Die bekannte Giftigkeit: Dass der Pilz giftig ist, wusste man lange; das passte zum Klischee der Giftmischerin.
  • Märchen und Illustrationen: Im 19. und 20. Jahrhundert wurde er zum festen Requisit von Zauberwäldern, Zwergen und Hexenhäuschen, wie der Beitrag über Fliegenpilze in Märchen und Büchern zeigt.
  • Moderne Thesen: Seit dem 20. Jahrhundert wird der Pilz immer wieder mit alten Ritualen verknüpft, oft auf dünner Quellenbasis – ähnlich wie bei der Berserker-These von 1784.
  • Halloween und Fantasy: Deko, Spiele und Filme haben das Motiv weiter verfestigt.

Bemerkenswert ist, dass sich parallel das genaue Gegenteil entwickelt hat. Im deutschsprachigen Raum wurde der Fliegenpilz zum Glücksbringer auf Neujahrskarten und am Christbaum. Wie aus dem Giftpilz ein Glückssymbol zum Jahreswechsel wurde, lesen Sie in einem eigenen Beitrag.

Mythos und Beleg im Überblick

  • „Hexen nutzten Fliegenpilz für ihre Flugsalben.“ Nicht belegt. Die bekannten Überlieferungen nennen andere Pflanzen.
  • „Im Mittelalter wurden unzählige Hexen verbrannt.“ Die meisten Prozesse fanden in der Frühen Neuzeit statt.
  • „Der Fliegenpilz diente als Fliegenfalle.“ Belegt, unter anderem bei Albertus Magnus.
  • „Hexenringe entstehen durch Hexentänze.“ Volksglaube; tatsächlich wächst das Myzel ringförmig nach außen.
  • „Der Hexenröhrling ist ein Verwandter des Fliegenpilzes.“ Falsch, er gehört zu den Röhrlingen.

Weitere verbreitete Annahmen prüft unser Artikel über zehn Irrtümer rund um den Fliegenpilz. Einen breiteren Blick auf die Kulturgeschichte bietet der Beitrag zur Geschichte von Amanita muscaria.

Fazit: Fliegenfalle statt Zaubertrank

Die Verbindung von Fliegenpilz und Hexen ist ein gutes Beispiel dafür, wie Bilder Geschichte überlagern. Die mittelalterlichen Quellen zeigen einen nüchternen Haushaltsgebrauch als Fliegengift, die überlieferten Hexensalben verweisen auf andere Pflanzen, und der Hexenring ist ein biologisches Wachstumsmuster. Der Hexenpilz selbst ist vor allem eine Schöpfung von Märchen, Illustration und moderner Fantasie.

Wer sich für die Kulturgeschichte des roten Pilzes begeistert, findet bei uns ganze getrocknete Fliegenpilz-Kappen als Sammlerstück und Anschauungsobjekt. Einen Überblick über alle Arten und Formen bietet die Übersicht aller Fliegenpilz-Produkte – aus baltischer Wildsammlung, laborgeprüft und nicht zum Verzehr bestimmt.

Häufige Fragen

Haben Hexen Fliegenpilze benutzt?

Dafür gibt es keine belastbaren Belege. Frühneuzeitliche Texte über Flugsalben nennen andere Pflanzen, und viele Aussagen über Hexen stammen aus Prozessakten, die unter Folter entstanden.

Warum heißt ein Pilzkreis Hexenring?

Weil man sich die kreisrund angeordneten Pilze früher nicht erklären konnte und sie als Tanzplatz von Hexen oder Elfen deutete. Im Englischen spricht man deshalb von einem „fairy ring“.

Wofür wurde der Fliegenpilz im Mittelalter verwendet?

Belegt ist vor allem der Einsatz gegen Fliegen: Zerkleinerte Pilze wurden in Milch gelegt, um Insekten anzulocken. Von dieser Nutzung stammt auch der deutsche Name.

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Hinweis: Unsere Produkte werden ausschließlich als Sammler-, Dekorations- und Forschungsartikel verkauft und sind nicht zum Verzehr bestimmt. Verkauf nur an Personen ab 18 Jahren. Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche oder rechtliche Beratung.

Titelbild: Wellcome Collection, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

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