Ibotensäure und Muscimol: Die Inhaltsstoffe des Fliegenpilzes erklärt
Das Wichtigste in Kürze · 5 Min. Lesezeit
- Ibotensäure und Muscimol sind die typischen Inhaltsstoffe von Fliegenpilz, Pantherpilz und Königsfliegenpilz.
- Beide sind Isoxazole; Muscimol entsteht aus Ibotensäure, wenn diese Kohlendioxid abspaltet.
- Entdeckt wurden sie 1964/65 nahezu gleichzeitig in Japan, England und der Schweiz.
- Strukturell ähneln sie den Botenstoffen Glutamat und GABA; eine zugelassene medizinische Anwendung gibt es nicht.
- Der Gehalt schwankt je nach Fund und lässt sich nur im Labor bestimmen.
Inhalt
- Ibotensäure und Muscimol im Steckbrief
- Chemie einfach erklärt: ein Ring, zwei Seitenketten
- Die Entdeckung: drei Labore, ein altes Rätsel
- Wo Ibotensäure und Muscimol vorkommen
- Pharmakologie in einem Satz – und die Toxikologie dahinter
- Abgrenzung: kein Verwandter des Psilocybins
- Was das für Sammler und Käufer bedeutet
- Fazit
- Häufige Fragen
Ibotensäure und Muscimol sind die beiden charakteristischen Inhaltsstoffe des Fliegenpilzes (Amanita muscaria) und einiger naher Verwandter. Chemisch sind beide kleine, wasserlösliche Moleküle mit einem sogenannten Isoxazol-Ring; Muscimol entsteht aus Ibotensäure, wenn diese ein Molekül Kohlendioxid abgibt. Entdeckt wurden sie erst Mitte der 1960er-Jahre – fast hundert Jahre nachdem man das Muscarin für das eigentliche Fliegenpilzgift gehalten hatte.
Dieser Beitrag erklärt Aufbau, Entdeckungsgeschichte und Vorkommen der beiden Stoffe auf verständlichem Niveau. Er enthält bewusst keine Angaben zu Anwendung oder Mengen: Unsere Produkte sind Sammler-, Deko- und Forschungsartikel und nicht zum Verzehr bestimmt.
Ibotensäure und Muscimol im Steckbrief
| Merkmal | Ibotensäure | Muscimol |
|---|---|---|
| Stoffklasse | Aminosäure mit Isoxazol-Ring | Amin mit Isoxazol-Ring |
| Summenformel | C5H6N2O4 | C4H6N2O2 |
| Molare Masse | rund 158,1 g/mol | rund 114,1 g/mol |
| Strukturell ähnlich | Glutamat (Glutaminsäure) | GABA (Gamma-Aminobuttersäure) |
| Erstmals beschrieben | 1964 in Japan | 1965 in England und der Schweiz |
| Frühere Namen | – | unter anderem Pantherin und Agarin |
Chemie einfach erklärt: ein Ring, zwei Seitenketten
Das Herzstück beider Moleküle ist ein Isoxazol-Ring: ein Fünfring aus drei Kohlenstoffatomen, einem Stickstoff- und einem Sauerstoffatom, wobei Stickstoff und Sauerstoff direkt nebeneinanderliegen. An diesem Ring hängt eine Hydroxygruppe, die dem Molekül saure Eigenschaften verleiht.
Der Unterschied liegt in der Seitenkette. Bei der Ibotensäure trägt sie eine Aminogruppe und eine Carboxylgruppe (–COOH). Damit ist Ibotensäure formal eine Aminosäure und ein strukturelles Gegenstück zum Botenstoff Glutamat. Beim Muscimol fehlt die Carboxylgruppe; übrig bleibt eine Aminomethylgruppe (–CH2–NH2). In dieser Form erinnert das Molekül an GABA, einen weiteren Botenstoff des Nervensystems.
Beide Verbindungen lösen sich gut in Wasser. In wässriger Lösung liegen sie überwiegend als sogenannte Zwitterionen vor: Moleküle, die gleichzeitig eine positive und eine negative Ladung tragen – so, wie es auch von gewöhnlichen Aminosäuren bekannt ist.
Chemiker nennen den Übergang von Ibotensäure zu Muscimol eine Decarboxylierung: Das Molekül verliert seine Carboxylgruppe als Kohlendioxid. Ibotensäure gilt als vergleichsweise instabile Verbindung, weshalb Analysen von Pilzproben in der Regel beide Stoffe nebeneinander finden. Die Zürcher Arbeitsgruppe beschrieb außerdem eine verwandte Verbindung, das Muscazon.
Die Entdeckung: drei Labore, ein altes Rätsel
Lange galt das Muscarin als Gift des Fliegenpilzes. Oswald Schmiedeberg und Richard Koppe hatten es 1869 aus dem Pilz isoliert und nach ihm benannt. Doch das beobachtete Vergiftungsbild passte nicht zu der winzigen Menge Muscarin, die tatsächlich im Fliegenpilz steckt – die ganze Geschichte erzählt der Beitrag Muscarin und der Irrtum hinter dem Namen.
Die Auflösung kam Mitte der 1960er-Jahre, nahezu gleichzeitig aus drei Laboren:
- Japan, 1964: Die Gruppe um Takemoto isolierte die Ibotensäure und beschrieb sie als fliegentötenden Bestandteil – passend zu dem Ruf, der dem Pilz seinen deutschen Namen eingetragen hat.
- England, 1965: Bowden und Drysdale berichteten über einen neuartigen Bestandteil des Fliegenpilzes, das spätere Muscimol.
- Schweiz, 1965: Die Arbeitsgruppe um den Chemiker Conrad Hans Eugster an der Universität Zürich veröffentlichte Arbeiten zu Ibotensäure, Muscimol und Muscazon.
Weil mehrere Gruppen parallel arbeiteten, kursierten für dieselben Stoffe zunächst verschiedene Namen. 1967 einigte man sich international auf die Bezeichnungen Ibotensäure und Muscimol, die bis heute gelten. Der Name Ibotensäure verweist auf den japanischen Pilznamen „Ibotengutake“: „Ibo“ bedeutet Warze, „Tengutake“ ist die japanische Bezeichnung des Pantherpilzes. Wie der Fliegenpilz selbst zu seinem Namen kam, erklärt der Beitrag zur Herkunft des Namens Fliegenpilz.
Wo Ibotensäure und Muscimol vorkommen
Beide Stoffe sind typisch für eine kleine Gruppe innerhalb der Gattung Amanita. Neben dem Fliegenpilz enthalten sie vor allem:
- den Pantherpilz mit seinen reinweißen Flocken (Amanita pantherina),
- den braunhütigen Königsfliegenpilz (Amanita regalis) aus nordischen Nadelwäldern,
- den Narzissengelben Wulstling (Amanita gemmata), dessen Gehalt je nach Fundort stark schwankt,
- den ostasiatischen Amanita ibotengutake, dessen japanischer Name der Ibotensäure ihren Namen gab.
Nicht jeder Wulstling enthält diese Stoffe. Der tödliche Grüne Knollenblätterpilz etwa bildet ganz andere Gifte, die Amatoxine. Auch innerhalb einer Art ist der Gehalt nicht konstant: Standort, Witterung, Reifegrad und der untersuchte Teil des Fruchtkörpers beeinflussen, was eine Analyse findet. Der Gehalt lässt sich deshalb nicht am Aussehen ablesen, sondern nur im Labor bestimmen – was ein Laborzertifikat bei Fliegenpilz-Produkten aussagt, erklären wir gesondert.
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Zum Produkt →Pharmakologie in einem Satz – und die Toxikologie dahinter
Muscimol bindet an GABA-A-Rezeptoren, Ibotensäure an Glutamat-Rezeptoren des Nervensystems; in der Hirnforschung dienen beide seit Jahrzehnten als Werkzeuge im Tierversuch, eine zugelassene medizinische Anwendung gibt es für keinen der beiden Stoffe.
Für die Praxis wichtiger ist die Toxikologie: Ibotensäure und Muscimol sind die Ursache des sogenannten Pantherina-Muscaria-Syndroms, der typischen Vergiftung durch Fliegen- und Pantherpilz. Welche Symptome auftreten und was im Ernstfall zu tun ist, beschreibt der Ratgeber Fliegenpilz-Vergiftung und Erste Hilfe. Bei Verdacht gilt: Giftnotruf anrufen – in Deutschland meist unter der Ortsvorwahl plus 19240, in Österreich unter +43 1 406 43 43 –, bei schweren Symptomen den Notruf 112 wählen.
Abgrenzung: kein Verwandter des Psilocybins
Häufig werden Fliegenpilz und sogenannte Psilocybin-Pilze in einen Topf geworfen. Chemisch haben sie wenig gemeinsam. Psilocybin ist ein Tryptamin, also ein Abkömmling der Aminosäure Tryptophan mit einem Indol-Ringsystem, und ist mit dem Botenstoff Serotonin verwandt. Ibotensäure und Muscimol dagegen sind Isoxazole und ähneln, wie beschrieben, Glutamat und GABA.
Auch die Pilze selbst sind nicht näher verwandt: Psilocybin kommt vor allem in Kahlköpfen der Gattung Psilocybe vor, nicht in Wulstlingen. Wie der Fliegenpilz in Deutschland rechtlich eingeordnet ist, fasst unser Beitrag Fliegenpilz legal in Deutschland 2026 zusammen.
Was das für Sammler und Käufer bedeutet
Ibotensäure und Muscimol sind Naturstoffe, deren Menge von Pilz zu Pilz schwankt. Für Sammler heißt das: Herkunft, Verarbeitung und eine nachvollziehbare Laborprüfung sagen mehr über ein Produkt als jede Werbeaussage. Unser Fliegenpilz-Pulver aus baltischer Wildsammlung wird wie unsere Kappen aus handverlesenen Hüten hergestellt, schonend bei niedrigen Temperaturen getrocknet und im Labor geprüft; die Ergebnisse finden Sie auf der Seite mit unseren Laborzertifikaten im Überblick.
Wer sich für die verwandten Arten interessiert, findet in der Kollektion rund um den Königsfliegenpilz weitere Formen aus Wildsammlung – ebenfalls ausschließlich für Sammlung, Deko und Forschung.
Fazit
Ibotensäure und Muscimol sind die Schlüsselverbindungen des Fliegenpilzes: zwei kleine Isoxazole, erst 1964/65 beschrieben, chemisch eng miteinander verwandt und strukturell mit den Botenstoffen Glutamat und GABA vergleichbar. Mit dem namensgebenden Muscarin haben sie nichts zu tun, mit Psilocybin ebenso wenig.
Wer tiefer in die Biologie des Pilzes einsteigen möchte, findet im Beitrag Wissenschaft, Geschichte und Qualität des Fliegenpilzes weiteren Hintergrund. Und wer Fliegenpilz als Sammlerstück sucht, findet im Shop laborgeprüfte Ware aus baltischer Wildsammlung – verkauft nur an Personen ab 18 Jahren und nicht zum Verzehr bestimmt.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Ibotensäure und Muscimol?
Beide teilen denselben Isoxazol-Ring. Ibotensäure trägt zusätzlich eine Carboxylgruppe; verliert sie diese als Kohlendioxid, entsteht Muscimol.
Wer hat Muscimol entdeckt?
Muscimol wurde 1965 nahezu zeitgleich von Bowden und Drysdale in England und von der Gruppe um Eugster in Zürich beschrieben. Kurz zuvor hatte Takemoto in Japan die Ibotensäure isoliert.
Enthält der Fliegenpilz Muscarin?
Nur in Spuren. Das Muscarin wurde zwar 1869 aus dem Fliegenpilz gewonnen, spielt für seine Giftigkeit aber praktisch keine Rolle – mehr dazu im Beitrag über den Muscarin-Irrtum.
Weiterlesen im Fliegenpilz-Ratgeber
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Titelbild: Luis Fernando Flores LAB, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons