Muscarin im Fliegenpilz: Der Irrtum hinter dem Namen
Das Wichtigste in Kürze · 5 Min. Lesezeit
- 1869 isolierten Oswald Schmiedeberg und Richard Koppe Muscarin aus dem Fliegenpilz und benannten es nach ihm.
- Im Fliegenpilz steckt Muscarin nur in Spuren; seine Giftigkeit geht auf Ibotensäure und Muscimol zurück.
- Reich an Muscarin sind vor allem Risspilze und kleine weiße Trichterlinge.
- Die Struktur wurde erst 1957 aufgeklärt: eine quartäre Ammoniumverbindung mit Tetrahydrofuran-Ring.
- Muscarin- und Pantherina-Syndrom werden unterschiedlich behandelt – bei Verdacht Giftnotruf anrufen, Pilzreste aufheben.
Inhalt
- 1869: Ein Gift bekommt den Namen des Fliegenpilzes
- Der lange Weg zur Struktur
- Wie viel Muscarin steckt wirklich im Fliegenpilz?
- Muscarin-Syndrom und Pantherina-Muscaria-Syndrom: zwei verschiedene Vergiftungen
- Ein Name, der in der Wissenschaft weiterlebt
- Warum sich der Irrtum so hartnäckig hält
- Fazit: Namensgeber, aber nicht Hauptakteur
- Häufige Fragen
Muscarin trägt den Fliegenpilz im Namen, spielt in ihm aber kaum eine Rolle. Oswald Schmiedeberg und Richard Koppe gewannen den Stoff 1869 aus Amanita muscaria und benannten ihn danach. Tatsächlich enthält der Fliegenpilz nur Spuren davon – in der Literatur wird ein Anteil in der Größenordnung von 0,0003 Prozent des Frischgewichts genannt. Die typische Fliegenpilz-Vergiftung geht auf Ibotensäure und Muscimol zurück, echte Muscarin-Vergiftungen dagegen vor allem auf Risspilze und Trichterlinge.
Wie es zu diesem Irrtum kam, warum er sich bis heute hält und weshalb die Unterscheidung im Vergiftungsfall wichtig ist, lesen Sie hier.
1869: Ein Gift bekommt den Namen des Fliegenpilzes
Oswald Schmiedeberg gilt als einer der Begründer der experimentellen Pharmakologie. Gemeinsam mit Richard Koppe gewann er aus Fliegenpilzen einen Extrakt, der am Froschherz eine auffällige Wirkung zeigte: Der Herzschlag verlangsamte sich bis zum Stillstand. Die beiden veröffentlichten ihre Ergebnisse 1869 in einer Schrift über „das giftige Alkaloid des Fliegenpilzes“ und nannten den Stoff nach dem Artnamen muscaria Muscarin.
Der Artname selbst geht auf lateinisch musca, die Fliege, zurück – mehr dazu im Beitrag zur Herkunft des Namens Fliegenpilz. Schmiedeberg und Koppe beobachteten außerdem, dass Atropin, der bekannte Inhaltsstoff der Tollkirsche, die Wirkung des Muscarins am Herzen aufhob. Das Gegensatzpaar Muscarin und Atropin wurde damit zu einem klassischen Lehrbeispiel der frühen Pharmakologie.
Der lange Weg zur Struktur
Die beiden Forscher hatten keine reine Substanz in Händen, sondern ein Gemisch. Über Jahrzehnte blieb unklar, wie das Molekül aufgebaut ist; frühe Summenformeln erwiesen sich als falsch. Erst mit chromatographischen Trennmethoden gelang es 1954, reines Muscarin zu gewinnen – aus 124 Kilogramm Fliegenpilzen nur rund 260 Milligramm. Schon diese Ausbeute zeigt, wie wenig davon im Pilz steckt.
1957 klärten Fritz Kögl und seine Mitarbeiter die Konstitution auf, und Franz Jellinek bestätigte sie im selben Jahr mit einer Röntgenstrukturanalyse. Muscarin ist demnach eine quartäre Ammoniumverbindung: Ein Tetrahydrofuran-Ring – ein Fünfring mit einem Sauerstoffatom – trägt eine Methyl-, eine Hydroxy- und eine Trimethylammoniomethyl-Gruppe. Die Summenformel des positiv geladenen Moleküls lautet C9H20NO2. Mit den Isoxazolen Ibotensäure und Muscimol hat es chemisch nichts gemein.
Wie viel Muscarin steckt wirklich im Fliegenpilz?
Die in der Fachliteratur genannten Werte für den Fliegenpilz bewegen sich im Bereich weniger Zehntausendstel Prozent – viel zu wenig, um das bekannte Vergiftungsbild zu erklären. Verantwortlich dafür sind Stoffe, die erst in den 1960er-Jahren entdeckt wurden und die der Beitrag Ibotensäure und Muscimol verständlich erklärt ausführlich vorstellt.
Ganz anders sieht es bei anderen Pilzgattungen aus. Die folgende Übersicht ordnet die wichtigsten Gruppen ein:
| Pilz | Muscarin | Für Vergiftungen maßgeblich |
|---|---|---|
| Fliegenpilz (Amanita muscaria) | nur Spuren | Ibotensäure, Muscimol |
| Pantherpilz (Amanita pantherina) | ohne Bedeutung | Ibotensäure, Muscimol |
| Risspilze (Inocybe und verwandte Gattungen), z. B. Ziegelroter Risspilz | teils sehr hoch | Muscarin |
| Kleine weiße Trichterlinge (Clitocybe), z. B. Feld-Trichterling, Bleiweißer Trichterling | hoch | Muscarin |
| Grüner Knollenblätterpilz (Amanita phalloides) | ohne Bedeutung | Amatoxine |
Risspilze sind meist unscheinbare, weißliche bis braune Pilze mit faserigem, oft radial eingerissenem und gebuckeltem Hut; ihr Sporenpulver ist braun. Der Ziegelrote Risspilz ist jung weißlich und verfärbt sich an Druckstellen und im Alter ziegelrot. Er erscheint schon im späten Frühjahr und Sommer in Laubwäldern und Parks und wurde wiederholt mit dem essbaren Mairitterling verwechselt.
Gerade die kleinen weißen Trichterlinge wachsen gern auf Wiesen, in Parks und an Waldrändern – oft in Gesellschaft von Speisepilzen wie dem Nelken-Schwindling, mit dem sie leicht verwechselt werden. Wer solche Arten sicher auseinanderhalten will, braucht mehr als ein Foto; worauf es ankommt, zeigt der Ratgeber Pilze bestimmen mit Apps und Büchern.
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Zum Produkt →Muscarin-Syndrom und Pantherina-Muscaria-Syndrom: zwei verschiedene Vergiftungen
Toxikologen unterscheiden die beiden Vergiftungsbilder klar. Das Muscarin-Syndrom setzt meist rasch ein, oft innerhalb von 15 Minuten bis zwei Stunden, und ist durch eine Überaktivität des parasympathischen Nervensystems geprägt:
- starkes Schwitzen, Speichel- und Tränenfluss,
- enge Pupillen und Sehstörungen,
- verlangsamter Puls und Blutdruckabfall,
- Übelkeit, Erbrechen und Durchfall,
- vermehrte Bronchialsekretion bis hin zur Atemnot.
In der Klinik wird das Muscarin-Syndrom mit Atropin behandelt. Beim Pantherina-Muscaria-Syndrom nach Fliegen- oder Pantherpilz ist Atropin dagegen nicht angezeigt – ein wichtiger Grund, warum Ärztinnen und Ärzte genau wissen müssen, welcher Pilz gegessen wurde. Heben Sie deshalb Pilzreste, Putzabfälle oder Fotos auf. Das typische Bild dieser zweiten Vergiftung beschreibt der Ratgeber Symptome, Verlauf und Erste Hilfe.
Bei jedem Verdacht gilt: Giftnotruf anrufen – in Deutschland meist unter der Ortsvorwahl plus 19240, in Österreich unter +43 1 406 43 43 – und bei schweren Symptomen den Notruf 112 wählen. Lösen Sie kein Erbrechen aus und greifen Sie nicht zu Hausmitteln.
Ein Name, der in der Wissenschaft weiterlebt
Unabhängig vom Fliegenpilz hat das Muscarin die Physiologie geprägt. Der britische Pharmakologe Henry Dale unterschied 1914 zwei Arten, auf die der körpereigene Botenstoff Acetylcholin wirkt: eine muscarinartige und eine nicotinartige. Bis heute heißen die entsprechenden Bindungsstellen muscarinische und nicotinische Acetylcholin-Rezeptoren – und jedes Pharmakologie-Lehrbuch erinnert damit indirekt an den Fliegenpilz.
Weil Muscarin als quartäre Ammoniumverbindung dauerhaft geladen ist, gelangt es kaum ins Gehirn. Seine Giftwirkung betrifft deshalb vor allem Organe außerhalb des Zentralnervensystems, was das Muscarin-Syndrom zusätzlich vom Vergiftungsbild des Fliegenpilzes unterscheidet.
Warum sich der Irrtum so hartnäckig hält
Der Name wirkt wie ein Beweis: Muscarin, muscaria – das muss zusammengehören. Ältere Lehrbücher und Pilzführer nannten das Muscarin lange als das Fliegenpilzgift, und viele Webseiten übernehmen das bis heute ungeprüft. Hinzu kommt, dass „Muscarin“ und „Muscimol“ ähnlich klingen und leicht verwechselt werden. Nicht zuletzt wirkte die alte Erklärung lange plausibel: Die Befunde am Froschherz waren eindeutig, und eine bessere Antwort fehlte bis in die 1960er-Jahre.
Solche Missverständnisse sind beim Fliegenpilz keine Seltenheit. Weitere verbreitete Annahmen und was davon stimmt, sammelt der Beitrag zehn Irrtümer über den Fliegenpilz.
Fazit: Namensgeber, aber nicht Hauptakteur
Das Muscarin wurde 1869 im Fliegenpilz entdeckt und nach ihm benannt, doch dort kommt es nur in Spuren vor. Die Giftigkeit des Fliegenpilzes beruht auf Ibotensäure und Muscimol; muscarinreiche Pilze sind vor allem Risspilze und kleine weiße Trichterlinge. Für Sammler ist diese Unterscheidung mehr als eine Fußnote, denn sie zeigt, wie wichtig genaue Bestimmung und eine geprüfte Herkunft sind.
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Häufige Fragen
Welche Pilze enthalten Muscarin?
Nennenswerte Mengen finden sich vor allem in Risspilzen wie dem Ziegelroten Risspilz und in kleinen weißen Trichterlingen. Nachgewiesen wurde der Stoff auch in einzelnen Arten weiterer Gattungen.
Wer hat Muscarin entdeckt?
Der Pharmakologe Oswald Schmiedeberg und Richard Koppe beschrieben den Stoff 1869. Seine chemische Struktur konnte erst 1957 endgültig bestimmt werden.
Was ist der Unterschied zwischen Muscarin und Muscimol?
Muscarin ist eine quartäre Ammoniumverbindung mit Tetrahydrofuran-Ring, Muscimol ein Isoxazol. Im Fliegenpilz zählt Muscimol zu den Hauptinhaltsstoffen, Muscarin ist dort nur eine Spur.
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Titelbild: Svencapoeira, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons