Warum heißt der Fliegenpilz Fliegenpilz? Herkunft des Namens
Das Wichtigste in Kürze · 5 Min. Lesezeit
- Der Name geht auf die Fliegenfalle zurück: Pilzstücke in Milch lockten Fliegen an und töteten sie.
- Ältester schriftlicher Beleg: Albertus Magnus, „De vegetabilibus“, vor 1256.
- Linné 1753: Agaricus muscarius; Lamarck stellte die Art 1783 in die Gattung Amanita.
- Russisch Muchomor, Litauisch musmirė, Französisch tue-mouches: Viele Sprachen tragen die Fliege im Namen.
- Die Deutung über Fliegen als Bild für Wahnsinn ist eine unbelegte Nebentheorie.
Inhalt
- Der Fliegenfänger im Milchschälchen
- Albertus Magnus: der erste schriftliche Beleg
- Von Linné bis Lamarck: der wissenschaftliche Name
- Woher kommt „Amanita“?
- Andere Sprachen, dieselbe Fliege
- Eine zweite Theorie: Fliegen und Wahnsinn
- Glückspilz, Fliegenschwamm, Toadstool: Namen im Alltag
- Fazit
- Häufige Fragen
Der Fliegenpilz verdankt seinen Namen einem alten Haushaltsbrauch: Stücke des Pilzes wurden in Milch gelegt, um Fliegen anzulocken und zu töten. Schon der Gelehrte Albertus Magnus hielt das im 13. Jahrhundert schriftlich fest. Auch der wissenschaftliche Artname muscaria geht auf das lateinische Wort musca für Fliege zurück.
Erstaunlich ist, wie viele Sprachen dieselbe Idee tragen – vom englischen „fly agaric“ über das russische „Muchomor“ bis zum litauischen „musmirė“. Dieser Artikel verfolgt die Namensgeschichte und zeigt, welche Erklärungen belegt sind und welche eher Vermutung bleiben.
Der Fliegenfänger im Milchschälchen
Bevor es Fliegengitter und Insektenmittel gab, waren Fliegen in Küchen, Ställen und Vorratskammern eine echte Plage. In vielen Regionen Europas griff man deshalb auf den Fliegenpilz zurück: Pilzstücke kamen in eine Schale mit Milch, die Fliegen tranken davon, wurden benommen und ertranken Beschreibungen zufolge oft in der Flüssigkeit.
Heute wird die Wirkung auf Insekten vor allem der Ibotensäure zugeschrieben, einem der Hauptinhaltsstoffe des Pilzes. Was es mit ihr und dem verwandten Muscimol auf sich hat, erklärt der Artikel über Ibotensäure und Muscimol. Nachahmen sollten Sie den alten Brauch übrigens nicht: Eine offene Schale mit Giftpilz ist für Kinder und Haustiere eine echte Gefahr, wie der Beitrag zu Kindern, Haustieren und Fliegenpilzen zeigt.
Albertus Magnus: der erste schriftliche Beleg
Der Dominikaner und Universalgelehrte Albertus Magnus, der unter anderem in Köln lehrte, beschrieb den Pilz in seinem Werk „De vegetabilibus“, das vor 1256 entstand. Sein Satz gilt als ältester schriftlicher Beleg für den Namen:
„vocatur fungus muscarum, eo quod in lacte pulverizatus interficit muscas“
Sinngemäß übersetzt: Er wird Fliegenpilz genannt, weil er, in Milch zerrieben, Fliegen tötet. Bemerkenswert ist, dass Albertus den Namen bereits als gebräuchlich voraussetzt. Der Brauch – und wohl auch die Bezeichnung – dürfte also älter sein als seine Aufzeichnung. Wie der Pilz im Mittelalter sonst gesehen wurde, lesen Sie im Artikel über Hexen, Aberglauben und Fliegenpilz.
Von Linné bis Lamarck: der wissenschaftliche Name
Die heutige Benennung ist das Ergebnis mehrerer Schritte:
- 1753: Carl von Linné beschreibt den Pilz in „Species Plantarum“ als Agaricus muscarius. Das Artepitheton muscarius bedeutet „die Fliegen betreffend“.
- 1783: Jean-Baptiste de Lamarck stellt ihn in die Gattung Amanita; daraus wird Amanita muscaria.
- 1821: Der schwedische Mykologe Elias Magnus Fries übernimmt den Namen in sein grundlegendes Werk. Von Fries verwendete Namen genießen in der Pilzkunde bis heute einen besonders geschützten Status.
- 1869: Schmiedeberg und Koppe benennen den Stoff Muscarin nach dem Pilz – obwohl er darin nur in Spuren vorkommt.
Warum Muscarin bei Fliegenpilz-Vergiftungen kaum eine Rolle spielt, erklärt der Artikel über den Irrtum hinter dem Namen Muscarin. Auch das später beschriebene Muscimol trägt die Fliege im Namen.
Woher kommt „Amanita“?
Der Gattungsname ist älter und weniger eindeutig. Er geht auf ein griechisches Wort für bestimmte Pilze zurück, das schon in der Antike belegt ist. Häufig wird es mit dem Amanos-Gebirge im Süden der heutigen Türkei in Verbindung gebracht, wo besonders geschätzte Pilze gewachsen sein sollen; gesichert ist diese Herleitung nicht.
Auf Deutsch heißt die Gattung Wulstlinge – nach der verdickten Knolle am Stielgrund, die viele Arten gemeinsam haben. Auch die Namen der Verwandten erzählen Geschichten: Der Pantherpilz mit seinem gefleckten Hut heißt wissenschaftlich pantherina, „pantherartig“. Der Königsfliegenpilz trägt den Artnamen regalis, „königlich“. Und der Knollenblätterpilz verbindet im Namen zwei Bestimmungsmerkmale: die Knolle und die Blätter, wie Lamellen früher genannt wurden.
Solche Namen sind mehr als Etiketten. Sie zeigen, worauf Menschen bei einem Pilz zuerst geachtet haben – auf die Farbe, auf die Form oder, wie beim Fliegenpilz, auf seinen Nutzen im Haushalt. Einen Überblick über die Gattung und ihre Verwandten gibt der Beitrag zur Gattung Amanita und den Wulstlingen.
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Die Verbindung zur Fliege ist kein deutscher Sonderweg. In großen Teilen Europas trägt der Pilz sie im Namen:
| Sprache | Name | Wörtliche Bedeutung |
|---|---|---|
| Englisch | fly agaric | Fliegen-Blätterpilz |
| Französisch | amanite tue-mouches | fliegentötender Wulstling |
| Russisch | muchomor (мухомор) | Fliegentöter |
| Polnisch | muchomor czerwony | roter Fliegentöter |
| Litauisch | raudonoji musmirė | roter Fliegentod |
| Lettisch | sarkanā mušmire | roter Fliegentod |
| Niederländisch | vliegenzwam | Fliegenschwamm |
| Schwedisch | röd flugsvamp | roter Fliegenschwamm |
| Finnisch | punakärpässieni | roter Fliegenpilz |
| Japanisch | benitengutake | Pilz des roten Tengu |
Auffällig: Die slawischen und baltischen Namen sprechen vom Töten oder Sterben der Fliegen, die germanischen einfach vom „Fliegenschwamm“. Das Japanische fällt aus der Reihe und verbindet den Pilz mit dem Tengu, einer Gestalt aus der Volkssage. Für uns sind die baltischen Namen besonders vertraut – unsere Pilze stammen aus lettischen und litauischen Wäldern, wie der Artikel über Tradition und Sammelkultur im Baltikum beschreibt.
Eine zweite Theorie: Fliegen und Wahnsinn
Neben der Fliegenfalle kursiert eine weitere Erklärung. Im Volksglauben galten Fliegen und andere Insekten mitunter als Bild für Verwirrung oder als Boten böser Geister – der biblische Beelzebub wird traditionell als „Herr der Fliegen“ gedeutet. Einige Autoren vermuten deshalb, der Name spiele auf die Verwirrtheit an, die bei einer Vergiftung auftreten kann.
Für diese Deutung gibt es jedoch keinen direkten Beleg. Die Fliegenfalle dagegen ist bei Albertus Magnus ausdrücklich genannt und in vielen Regionen als Brauch überliefert. Die einfachere Erklärung ist hier zugleich die besser belegte.
Glückspilz, Fliegenschwamm, Toadstool: Namen im Alltag
- Pilz: Das deutsche Wort geht über das althochdeutsche „buliz“ auf das lateinische boletus zurück.
- Fliegenschwamm: ältere und im Süden verbreitete Form; „Schwamm“ und „Schwammerl“ sind in Bayern und Österreich bis heute Wörter für Pilze.
- Glückspilz: Die Redewendung spielte ursprünglich wohl auf Pilze an, die über Nacht aus dem Boden schießen; heute verbinden die meisten sie mit dem Fliegenpilz – mehr im Artikel warum der Fliegenpilz als Glücksbringer gilt.
- Toadstool: Das englische Wort für ungenießbare Pilze bedeutet wörtlich „Krötenstuhl“; der Fliegenpilz ist sein Inbegriff.
Fazit
Der Fliegenpilz heißt so, weil er Fliegen tötet – genauer: weil man ihn über Jahrhunderte als Fliegenfalle nutzte. Albertus Magnus hat das im 13. Jahrhundert festgehalten, Linné hat es 1753 in den wissenschaftlichen Namen übernommen, und von Moskau bis Riga tragen die Namen dieselbe Fliege. Die Deutung über Wahnsinn und Dämonen bleibt dagegen eine unbelegte Vermutung.
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Häufige Fragen
Was bedeutet muscaria?
Das Wort ist vom lateinischen musca abgeleitet, also der Fliege. Der Artname verweist damit direkt auf die alte Nutzung als Fliegenfänger.
Wie heißt der Fliegenpilz auf Englisch?
Auf Englisch heißt er fly agaric, seltener fly amanita. Umgangssprachlich fällt er auch unter den Sammelbegriff toadstool für ungenießbare Pilze.
Tötet der Fliegenpilz wirklich Fliegen?
Historische Beschreibungen berichten, dass Fliegen nach dem Kontakt benommen werden und oft in der Milch ertrinken. Als Hausmittel ist das heute nicht zu empfehlen, weil ein offen stehender Giftpilz Kinder und Haustiere gefährdet.
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Titelbild: Wellcome Collection, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons