Soma und der Fliegenpilz: Die Wasson-These zum Rigveda
Das Wichtigste in Kürze · 5 Min. Lesezeit
- Soma war im Rigveda Gott, Pflanze und Opfertrank zugleich; das gesamte neunte Mandala ist ihm gewidmet.
- R. Gordon Wasson identifizierte Soma 1968 mit dem Fliegenpilz – vor allem über sibirische Parallelen.
- Die einflussreichste Kritik stammt von John Brough (1971): Warum sollte man einen Pilz pressen und filtern?
- Weitere Kandidaten sind Ephedra und die Steppenraute (Flattery und Schwartz, 1989).
- Die Identität von Soma gilt bis heute als offene Frage – bewiesen ist keine Deutung.
Inhalt
Soma war im Rigveda, der ältesten Textsammlung Indiens, zugleich ein Gott, eine Pflanze und ein heiliger Trank. Welche Pflanze gemeint war, ist bis heute ungeklärt. Der amerikanische Pilzforscher R. Gordon Wasson vertrat 1968 die These, Soma sei der Fliegenpilz gewesen – eine berühmte und einflussreiche, aber keineswegs bewiesene Annahme.
Dieser Beitrag trennt, was die Texte tatsächlich sagen, was Wasson daraus folgerte und welche Einwände Fachleute seither erhoben haben.
Was ist Soma?
Der Rigveda besteht aus 1.028 Hymnen in zehn Liederkreisen, den Mandalas. Seine ältesten Teile entstanden wohl zwischen etwa 1500 und 1000 v. Chr. und wurden lange mündlich überliefert. Soma nimmt darin eine Sonderstellung ein: Das gesamte neunte Mandala mit 114 Hymnen ist dem „sich läuternden“ Soma gewidmet.
Die Hymnen schildern ein Opferritual. Die Pflanze wurde mit Steinen gepresst, der Saft durch ein Sieb aus Schafwolle geseiht und mit Milch oder Wasser vermischt, bevor Priester ihn den Göttern darbrachten. Die Texte preisen den Trank überschwänglich und verbinden ihn mit Kraft, Erkenntnis und Unsterblichkeit. Im iranischen Avesta entspricht ihm der Haoma, was auf eine gemeinsame indo-iranische Tradition hinweist.
Schon in späteren vedischen Texten ist von Ersatzpflanzen die Rede. Offenbar war die ursprüngliche Pflanze irgendwann nicht mehr verfügbar oder nicht mehr bekannt – ein Hauptgrund, warum ihre Identität so schwer zu bestimmen ist.
Wer war R. Gordon Wasson?
Robert Gordon Wasson (1898–1986) war Bankier in New York und Pilzforscher aus Leidenschaft. Gemeinsam mit seiner Frau Valentina Pavlovna Wasson veröffentlichte er 1957 „Mushrooms, Russia and History“, ein Grundlagenwerk der Ethnomykologie, also der Lehre von der Rolle der Pilze in menschlichen Kulturen. Im selben Jahr machte ihn ein Bericht im Magazin „Life“ über seine Reisen nach Mexiko weltweit bekannt.
1968 erschien „Soma: Divine Mushroom of Immortality“. Die Indologin Wendy Doniger O’Flaherty steuerte einen Überblick über die bisherige Soma-Forschung bei. Das Buch verband vedische Textstellen mit Berichten über den Fliegenpilz bei sibirischen Völkern, die unser Beitrag über den Fliegenpilz bei Korjaken, Tschuktschen und Ewenken vorstellt.
Wassons Argumente
- Keine Blätter, Blüten oder Samen: Die Hymnen erwähnen, so Wasson, weder Blätter noch Blüten, Früchte oder Samen. Für eine Blütenpflanze sei das seltsam, für einen Pilz dagegen passend.
- Farbe und Licht: Soma wird mit Farbwörtern beschrieben, die Wasson als Rot- und Goldtöne las, und immer wieder mit Glanz, Feuer und Sonne verglichen. Den leuchtend roten Hut hielt er für das passende Vorbild.
- Die Urin-Stelle: In Hymne 9.74.4 heißt es sinngemäß, dass „die Geschwellten“ den fließenden Soma harnen. Wasson verband dies mit sibirischen Berichten und mit der Tatsache, dass Inhaltsstoffe des Fliegenpilzes teilweise unverändert über den Urin ausgeschieden werden. Die Chemie dahinter erklärt unser Beitrag zu Ibotensäure und Muscimol im Fliegenpilz.
- Geografie: Die Sprecher der vedischen Sprache seien aus nördlicheren Regionen gekommen, in denen der Pilz unter Birken und Nadelbäumen wächst, und hätten ihn später aus dem Gebirge bezogen. Wo der Pilz heute verbreitet ist, zeigt der Artikel Standorte und Partnerbäume des Fliegenpilzes.
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Zum Produkt →Die Kritik an der Wasson-These
Das Buch wurde breit besprochen, und längst nicht alle Rezensenten waren überzeugt. Besonders einflussreich war 1971 die Kritik des britischen Sanskritisten John Brough. Sein Kernargument: Wenn Soma ein Pilz gewesen wäre, warum hätte man ihn so aufwendig pressen und filtern sollen? Wasson antwortete 1972 mit einer eigenen Erwiderung, doch mehrere Einwände blieben bestehen:
- Deutungsspielraum: Die Texte sprechen von Stängeln, die gepresst werden. Wasson las sie als Pilzstiele, Kritiker halten diese Lesart für gezwungen.
- Keine Belege für eine Urin-Praxis: Außer der einen, vieldeutigen Stelle findet sich in den vedischen Texten kein Hinweis darauf, dass der Urin von Soma-Trinkern selbst getrunken wurde.
- Geografie: In den Flussebenen im Nordwesten des indischen Subkontinents, wo die Hymnen vermutlich entstanden, fehlt der Fliegenpilz. Ein Bezug aus dem Gebirge ist denkbar, aber nicht belegt.
- Übertragung aus Sibirien: Bräuche, die Reisende im 18. Jahrhundert beobachteten, sagen wenig über ein Ritual aus, das rund 3.000 Jahre älter ist und Tausende Kilometer entfernt stattfand.
Hinzu kommt ein methodisches Problem: Die Sprache der Hymnen ist voller Metaphern. Ob „Glanz“ oder „Feuer“ eine tatsächliche Farbe beschreiben oder eine religiöse Bedeutung ausdrücken, lässt sich oft nicht entscheiden. Wer eine bestimmte Pflanze sucht, findet in poetischen Texten leicht, was er erwartet.
Die wichtigsten Kandidaten im Vergleich
| Kandidat | Wichtige Vertreter | Hauptargument | Haupteinwand |
|---|---|---|---|
| Fliegenpilz (Amanita muscaria) | R. Gordon Wasson, 1968 | fehlende Blätter und Blüten, Farbbilder, Parallelen in Sibirien | Pressen und Filtern schwer erklärbar, Geografie |
| Ephedra (Meerträubel) | verschiedene Indologen und Iranisten | zoroastrische Priester verwenden für das Haoma-Ritual bis heute Ephedra-Zweige | unklar, ob sie zu den überschwänglichen Schilderungen der Hymnen passt |
| Steppenraute (Peganum harmala) | David Flattery und Martin Schwartz, 1989 | iranische Überlieferung, Spuren der Pflanze in Brauchtum und Sprache | vor allem für das iranische Haoma diskutiert, für den Rigveda umstritten |
| Weitere Vorschläge | unterschiedliche Autoren | u. a. Hanf oder andere Pilzarten | jeweils nur schwach durch die Texte gestützt |
Stand der Diskussion
Heute gilt die Identität von Soma als offene Frage. Viele Indologen halten die Fliegenpilz-These für nicht belegt, andere sehen in ihr zumindest eine anregende Hypothese. Ephedra hat in der Fachdiskussion zahlreiche Befürworter, bewiesen ist aber keine der Deutungen. Ein archäobotanischer Fund, der eine bestimmte Pflanze eindeutig dem Soma-Ritual zuordnet, fehlt.
Unbestritten ist Wassons Einfluss. Er machte die Ethnomykologie als Forschungsfeld bekannt, und seine Methode, alte Texte mit ethnografischen Berichten zu verbinden, wurde vielfach aufgegriffen – auch bei weit schwächer begründeten Theorien. Die Vermutung, Wikinger-Berserker hätten Fliegenpilze genutzt, ist deutlich älter als Wasson und ähnlich umstritten. Die moderne Idee vom Weihnachtsmann als Pilz-Schamane wiederum stützt sich auf genau die sibirischen Berichte, die Wasson einem breiten Publikum bekannt gemacht hat.
Einen allgemeinen Überblick bietet unser Beitrag zur Geschichte der Verwendung von Amanita muscaria. Wichtig für die Einordnung: Alle diese Berichte sind Kulturgeschichte. Eine anerkannte medizinische Verwendung des Fliegenpilzes gibt es nicht, und der Pilz ist giftig.
Fazit: Eine These, die bis heute Debatten auslöst
Die Soma-Fliegenpilz-These ist eine der bekanntesten Ideen der Religionsgeschichte, aber sie bleibt eine These. Die vedischen Texte lassen sich mit ihr lesen, ebenso jedoch mit anderen Kandidaten, und entscheidende Belege fehlen. Wer sich für den Fliegenpilz interessiert, findet in der Soma-Debatte ein Lehrstück darüber, wie man Quellen, Deutungen und Spekulation auseinanderhält.
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Häufige Fragen
Was ist Soma im Hinduismus?
Im Rigveda bezeichnet Soma eine Gottheit und zugleich den Trank aus einer Pflanze, der im Opferritual dargebracht wurde. In späterer Zeit wurde Soma auch mit dem Mond gleichgesetzt.
Welches Buch schrieb Wasson über Soma?
„Soma: Divine Mushroom of Immortality“ erschien 1968. Es enthält neben Wassons eigener Argumentation einen Beitrag der Indologin Wendy Doniger O’Flaherty zur Forschungsgeschichte.
Ist bewiesen, dass Soma ein Fliegenpilz war?
Nein. Die These wird bis heute diskutiert, aber es gibt weder eindeutige Textbelege noch archäobotanische Funde, die sie bestätigen.
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Titelbild: Ms Sarah Welch, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons