Rentiere und Fliegenpilze: Was an der Geschichte dran ist

Rentiere und Fliegenpilze: Was an der Geschichte dran ist

Das Wichtigste in Kürze · 5 Min. Lesezeit

  • Rentiere fressen im Spätsommer und Herbst gern Pilze – auch Fliegenpilze werden mehrfach beschrieben.
  • Ob sie den Pilz gezielt suchen oder besonders gut vertragen, ist nicht belastbar erforscht.
  • Belegt ist der Salzhunger der Rentiere, der sie zu menschlichem Urin zieht.
  • Hirten, die Rentierurin tranken: Dafür gibt es keine historische Quelle.
  • Die Rentiere des Weihnachtsmanns stammen aus einem US-Gedicht von 1823, nicht aus Sibirien.

Rentiere fressen Pilze – und dazu gehören nach Berichten aus Sibirien und Skandinavien auch Fliegenpilze. So weit ist die Geschichte glaubwürdig. Die bekannten Zuspitzungen dagegen, etwa dass Hirten den Urin von Rentieren getrunken hätten oder dass die fliegenden Rentiere des Weihnachtsmanns auf den Fliegenpilz zurückgingen, lassen sich historisch nicht belegen.

Dieser Artikel sortiert die Geschichte in drei Teile: was über die Ernährung von Rentieren bekannt ist, was die ethnografischen Quellen tatsächlich berichten und welche Elemente erst in der modernen Popkultur hinzukamen.

Was Rentiere im Jahreslauf fressen

Rentiere (Rangifer tarandus, in Nordamerika als Karibu bekannt) sind anpassungsfähige Pflanzenfresser. Ihr Speiseplan wechselt stark mit den Jahreszeiten:

  • Winter: vor allem Flechten wie die Rentierflechte, die die Tiere mit den Hufen unter dem Schnee freischarren.
  • Frühling und Sommer: frische Gräser, Seggen, Kräuter und die Blätter von Weiden und Zwergbirken.
  • Spätsommer und Herbst: zusätzlich Pilze, die in dieser Zeit reichlich wachsen und bei Rentieren ausgesprochen beliebt sind.

Die Pilzzeit fällt genau in die Wochen, in denen die Tiere Reserven für den Winter anlegen. Aus der Rentierhaltung wird berichtet, dass Herden in pilzreichen Herbsten weit umherstreifen und schwerer zusammenzuhalten sind. Welche Arten die Tiere dabei bevorzugen, ist kaum systematisch untersucht – Pilze allgemein stehen jedenfalls hoch im Kurs.

Der Grund liegt vermutlich im Nährwert. Flechten liefern im Winter vor allem Kohlenhydrate, aber wenig Eiweiß. Pilze sind im Vergleich dazu eiweiß- und mineralstoffreicher und kommen den Tieren in der kurzen Zeit gelegen, in der sie sich für die kalte Jahreszeit rüsten.

Fressen Rentiere wirklich Fliegenpilze?

Ja, das ist mehrfach beschrieben. Einige Reisende und Ethnografen, die im 18. und frühen 20. Jahrhundert unter den Völkern Kamtschatkas und Tschukotkas unterwegs waren, erwähnen Rentiere, die Fliegenpilze fressen. Auch heute beobachten Halter und Naturfotografen die Tiere an Fliegenpilzen, die im Herbst in den Birken- und Nadelwäldern des Nordens wachsen.

Unklar ist dagegen fast alles, was darüber hinausgeht. Ob Rentiere Fliegenpilze anderen Pilzen gezielt vorziehen, wie viel sie davon vertragen und wie ihr Stoffwechsel mit den Inhaltsstoffen umgeht, ist nicht gut erforscht. Behauptungen, Rentiere suchten den Pilz bewusst wegen seiner Wirkung, sind eine menschliche Deutung von Tierverhalten – keine Beobachtung, die sich überprüfen ließe.

Für Haustiere gilt übrigens nichts davon: Hunde und Katzen können sich an Fliegenpilzen ernsthaft vergiften. Was Tierhalter wissen sollten, fasst der Artikel über Fliegenpilz, Kinder und Haustiere zusammen.

Salzhunger: Der belegte Kern der Urin-Geschichte

Ein zweites Detail ist gut belegt, hat aber zunächst nichts mit Pilzen zu tun: Rentiere sind stark auf Salz aus, und menschlicher Urin ist für sie eine begehrte Salzquelle. Rentierhalter wussten das und nutzten es, um Tiere anzulocken. In ethnografischen Berichten aus dem Norden Sibiriens taucht dieses Verhalten immer wieder auf.

Die Verbindung zum Fliegenpilz stammt aus einer anderen Quelle. Der schwedische Offizier Philipp Johann von Strahlenberg beschrieb 1730, dass bei den Korjaken Menschen den Urin anderer Menschen tranken, die zuvor Fliegenpilze verzehrt hatten. Von Rentieren ist in dieser vielzitierten Passage keine Rede. Die Hintergründe schildert der Artikel über den Fliegenpilz bei sibirischen Völkern.

Hirten, die Rentierurin tranken? Kein historischer Beleg

In Dokumentationen, Blogs und Weihnachtsartikeln liest man häufig, sibirische oder lappländische Hirten hätten den Urin von Rentieren getrunken, die Fliegenpilze gefressen hatten. Kulturhistoriker, die die Originalquellen geprüft haben, finden für diese Version keinen Beleg. Sie entstand offenbar, indem zwei getrennte Beobachtungen zusammengezogen wurden: der Salzhunger der Rentiere und Strahlenbergs Bericht über Menschen.

Solche Verschmelzungen sind typisch für populäre Pilzgeschichten. Aus einem Satz in einem Reisebericht wird über mehrere Nacherzählungen hinweg eine scheinbar feste Tradition. Weitere Beispiele dieser Art sammelt der Artikel über verbreitete Irrtümer rund um den Fliegenpilz.

Dass sich gerade diese Version so hartnäckig hält, hat einen einfachen Grund: Sie ist eine gute Geschichte. Sie verbindet ein exotisches Detail mit einem vertrauten Tier und taucht jedes Jahr im Dezember in neuen Artikeln und Videos auf, meist ohne Quellenangabe. Wer nachfragt, landet fast immer bei denselben wenigen Reiseberichten – und in keinem davon trinkt ein Hirte Rentierurin.

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Lappland oder Sibirien?

Viele moderne Texte verlegen die Geschichte nach Lappland, weil Rentiere dort das bekannteste Motiv sind. Die historischen Berichte über Fliegenpilzgebrauch stammen jedoch aus dem Nordosten Sibiriens, Tausende Kilometer entfernt. Für die Samen in Nordskandinavien ist eine vergleichbare Verwendung nicht gesichert belegt; entsprechende Behauptungen stützen sich meist auf Analogien, nicht auf Quellen.

Fliegenpilze wachsen allerdings in beiden Regionen, und in Skandinavien kommt auch der braune Königsfliegenpilz der nordischen Nadelwälder vor. Aus baltischen und skandinavischen Wäldern stammen auch unsere getrockneten Königsfliegenpilz-Kappen aus Wildsammlung.

Die Brücke zum Weihnachtsmann

Die Rentiere des Weihnachtsmanns kommen nicht aus Sibirien, sondern aus New York. Das Gedicht „A Visit from St. Nicholas“, 1823 zunächst anonym veröffentlicht und später Clement Clarke Moore zugeschrieben, machte acht fliegende Rentiere vor dem Schlitten populär. Rudolph mit der roten Nase kam erst 1939 hinzu, als Figur eines Werbehefts der US-Kaufhauskette Montgomery Ward.

Die Idee, diese Rentiere mit Fliegenpilzen und sibirischen Schamanen zu verbinden, entstand erst im späten 20. Jahrhundert in populärer Literatur. Rot-weiße Kleidung, Rentiere, ein Weg durch den Schornstein – die Parallelen wirken verblüffend, beruhen aber auf nachträglich zusammengestellten Motiven. Die Theorie im Detail prüft der Artikel Weihnachtsmann und Fliegenpilz; wie der Pilz tatsächlich zum Festschmuck wurde, lesen Sie unter Fliegenpilz und Weihnachten.

Die Behauptungen im Überblick

Behauptung Quellenlage Einschätzung
Rentiere fressen Pilze Beobachtungen aus der Rentierhaltung belegt
Rentiere fressen auch Fliegenpilze Reiseberichte, heutige Beobachtungen mehrfach beschrieben
Rentiere suchen gezielt die Wirkung keine überprüfbaren Daten Deutung, nicht belegt
Rentiere werden von Urin angezogen Ethnografie, bekannter Salzhunger belegt
Hirten tranken Rentierurin keine historische Quelle bekannt nicht belegt
Fliegende Rentiere wegen des Pilzes Rentiere im Weihnachtsmotiv seit 1823 (USA) Spekulation

Die Tabelle zeigt ein typisches Muster: Je spektakulärer eine Behauptung, desto dünner ist ihre Quellenlage. Die unspektakulären Teile – Rentiere mögen Pilze und Salz – sind dagegen gut gesichert.

Fazit

An der Geschichte ist mehr dran, als Skeptiker vermuten, und weniger, als viele Weihnachtsartikel erzählen. Rentiere fressen Pilze einschließlich Fliegenpilzen, und sie sind auf Salz aus – beides ist gut beschrieben. Die trinkenden Hirten und die pilzbeflügelten Rentiere des Weihnachtsmanns sind dagegen moderne Ausschmückungen.

Wer das nordische Wintermotiv mit echten Pilzen in Szene setzen möchte, findet in unserer Fliegenpilz-Kollektion aus baltischer Wildsammlung getrocknete Kappen für Winter- und Adventsdeko – Anregungen gibt der Beitrag mit Deko-Ideen für Herbst, Advent und Winter. Alle Produkte sind Sammler- und Dekoartikel für Erwachsene ab 18 Jahren, nicht zum Verzehr bestimmt, und gehören außer Reichweite von Kindern und Tieren.

Häufige Fragen

Warum fressen Rentiere Pilze?

Pilze sind im Spätsommer ein reichlich vorhandenes, nahrhaftes Futter, bevor im Winter fast nur noch Flechten zur Verfügung stehen. Rentiere fressen deshalb viele Pilzarten, nicht nur Fliegenpilze.

Sind Rentiere immun gegen Fliegenpilze?

Dazu gibt es kaum gesicherte Untersuchungen, entsprechende Aussagen im Internet sollten Sie daher mit Vorsicht lesen. Für Hunde und Katzen ist der Pilz in jedem Fall gefährlich.

Wie viele Rentiere hat der Weihnachtsmann?

Im Gedicht „A Visit from St. Nicholas“ von 1823 sind es acht, jedes mit eigenem Namen. Rudolph kam 1939 als neuntes Rentier hinzu.

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Titelbild: Alexandre Buisse, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

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