Warum ist der Fliegenpilz rot? Die Farbe einfach erklärt
Das Wichtigste in Kürze · 5 Min. Lesezeit
- Das Rot stammt von Betalainen in der Huthaut – derselben Farbstoffklasse wie bei der Roten Bete.
- Beteiligt sind vor allem orange Muscaaurine, rot-violettes Muscapurpurin und gelbes Muscaflavin.
- Die Farbstoffe sind wasserlöslich und lichtempfindlich: Regen, Sonne und Alter lassen Hüte verblassen.
- Eine Warnfarbe ist nicht belegt; die Farbe sagt nichts über die Giftigkeit eines Pilzes aus.
- Bei getrockneten Kappen spricht eine kräftige Farbe für schonende Trocknung und gute Lagerung.
Inhalt
- Die Farbstoffe in der Huthaut
- Betalaine: Die Verbindung zur Roten Bete
- Warum der Hut mal rot, mal orange ist
- Warnfarbe? Was die Forschung sagt
- Verwandte in Braun: Pantherpilz und Königsfliegenpilz
- Die weißen Punkte: Farbe durch Kontrast
- Farbe als Merkmal getrockneter Kappen
- Fazit: Rote-Bete-Chemie im Wald
- Häufige Fragen
Der Fliegenpilz ist rot, weil seine Huthaut wasserlösliche Farbstoffe aus der Gruppe der Betalaine enthält – dieselbe Farbstoffklasse, die auch die Rote Bete färbt. Für das typische Rot-Orange sind vor allem orangefarbene Muscaaurine und das rot-violette Muscapurpurin verantwortlich, dazu kommt das gelbe Muscaflavin. Das Fleisch darunter ist weiß.
Ob die auffällige Farbe Tiere warnen soll, ist dagegen nicht belegt. Hier erfahren Sie, woher die Farbe stammt, warum sie verblasst, was die Forschung zur Warnfarbe sagt und was die Farbe über getrocknete Kappen verrät.
Die Farbstoffe in der Huthaut
Die Farbe sitzt beim Fliegenpilz fast nur in der dünnen Huthaut, die sich leicht abziehen lässt. Direkt darunter ist das Fleisch gelblich bis orange getönt, tiefer im Hut und im Stiel ist es weiß. Lamellen, Ring und Flocken bleiben ungefärbt.
Chemisch ist das Rot ein Gemisch mehrerer Farbstoffe. Eine 2007 in der „Zeitschrift für Naturforschung“ veröffentlichte Analyse der Huthaut hat das Muster im Detail aufgeschlüsselt und dabei auch bisher unbekannte Bestandteile nachgewiesen. Die wichtigsten Gruppen:
- Muscaaurine: orangefarbene Betalaine, die für den Großteil des Rot-Orange sorgen
- Muscapurpurin: ein rot-violetter Farbstoff, der den Farbton vertieft
- Muscaflavin: ein gelber Farbstoff, der zum Orangestich beiträgt
- Weitere Betaxanthine: gelbe Verbindungen, die in kleineren Mengen hinzukommen
Bemerkenswert ist der Aufbau: Die Betalaine entstehen, wenn sich ein farbiger Grundbaustein, die Betalaminsäure, mit verschiedenen Aminosäuren verbindet – beim Fliegenpilz unter anderem mit Ibotensäure, einem seiner bekanntesten Inhaltsstoffe. Mehr über diese Substanz erfahren Sie im Beitrag über Ibotensäure und Muscimol im Fliegenpilz.
Betalaine: Die Verbindung zur Roten Bete
Betalaine sind eine ungewöhnliche Farbstoffgruppe. Im Pflanzenreich kommen sie nur in der Ordnung der Nelkenartigen vor, zu der Rote Bete, Mangold, Amarant, Kakteen und die Bougainvillea gehören. Der Farbstoff der Roten Bete, Betanin, ist als Lebensmittelfarbstoff E 162 bekannt.
Die meisten anderen Pflanzen färben sich dagegen mit Anthocyanen rot, etwa Rotkohl oder Kirschen. Beide Farbstoffgruppen kommen nie gemeinsam in derselben Pflanze vor. Dass ausgerechnet ein Pilz ähnliche Farbstoffe bildet wie die Rote Bete, ist deshalb eine echte biologische Besonderheit – unter den Pilzen sind Betalaine selten.
Warum der Hut mal rot, mal orange ist
Betalaine sind wasserlöslich und empfindlich gegenüber Licht, Wärme und Sauerstoff. Aus der Lebensmitteltechnik ist bekannt, dass Rote-Bete-Farbstoff bei Hitze und Licht verblasst. Beim Fliegenpilz führt das zu deutlich sichtbaren Unterschieden:
| Ursache | Wirkung auf den Hut |
|---|---|
| Junges Stadium | leuchtend rot, dicht mit weißen Flocken besetzt |
| Starker Regen | wäscht Farbstoffe aus, Hut wird orange bis gelblich, Flocken gehen verloren |
| Sonne und Licht | bleicht die Huthaut aus, besonders bei älteren Exemplaren |
| Alter | Farbe wird matter, der Hutrand bekommt feine Rillen |
| Varietät | von Natur aus gelbe oder orange Formen, vor allem in Nordamerika |
In Mitteleuropa ist ein oranger Fliegenpilz deshalb meist einfach ein abgeregnetes rotes Exemplar. Eine Übersicht über die echten gelben, orangen und weißen Varietäten des Fliegenpilzes finden Sie in einem eigenen Beitrag.
Warnfarbe? Was die Forschung sagt
Bei Tieren ist das Prinzip gut bekannt: Wespen oder Pfeilgiftfrösche zeigen mit auffälligen Farben, dass sie wehrhaft oder giftig sind. Fachleute sprechen von Aposematismus. Beim Fliegenpilz liegt die Vermutung nahe, sein Rot erfülle denselben Zweck.
Belegt ist das nicht. Eine 2005 im Fachjournal „The American Naturalist“ erschienene Auswertung von Sherratt, Wilkinson und Bain verglich essbare und giftige Pilzarten aus Europa und Nordamerika. Einen deutlichen Zusammenhang zwischen auffälliger Färbung und Giftigkeit fanden die Autoren nicht; eher kämen Geruch und Geschmack als Warnsignal in Frage. Diskutiert wird unter anderem, dass viele pilzfressende Tiere nachts aktiv sind und Farben am dämmrigen Waldboden ohnehin wenig auffallen.
Die Natur liefert selbst Gegenbeispiele: Der tödlich giftige Grüne Knollenblätterpilz ist unscheinbar grünlich bis weißlich gefärbt, während der südeuropäische Kaiserling mit seinem orangeroten Hut als Speisepilz gilt. Wozu der Fliegenpilz seine Farbstoffe tatsächlich bildet, ist nicht abschließend geklärt.
Für die Praxis heißt das: Die Farbe eines Pilzes sagt nichts über seine Giftigkeit aus. Bestimmen Sie Pilze nie nach der Farbe, sondern anhand aller Merkmale und im Zweifel bei einer Pilzberatung durch Sachverständige. Bei Verdacht auf eine Vergiftung wenden Sie sich sofort an einen Giftnotruf oder wählen den Notruf 112.
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Zum Produkt →Verwandte in Braun: Pantherpilz und Königsfliegenpilz
Innerhalb der Gattung Amanita ist das leuchtende Rot keineswegs die Regel. Der eng verwandte Pantherpilz mit seinem braunen Hut trägt reinweiße Flocken auf grau- bis olivbraunem Grund. Der Königsfliegenpilz aus den Nadelwäldern Nordeuropas hat einen leber- bis ockerbraunen Hut mit gelblichen Flocken und wurde früher sogar als Varietät des Fliegenpilzes geführt.
Warum die Hutfarben bei so nahen Verwandten derart verschieden ausfallen, ist bisher nicht im Detail geklärt. Für Sammler macht gerade dieser Unterschied den Reiz aus: In unserem Shop sind neben dem roten Fliegenpilz auch Königsfliegenpilz-Produkte aus Wildsammlung erhältlich – ebenfalls als Sammler-, Deko- und Forschungsartikel.
Die weißen Punkte: Farbe durch Kontrast
Das Bild vom Fliegenpilz lebt vom Kontrast. Die weißen Flocken sind ungefärbte Reste der Hülle, die den jungen Pilz umschloss. Sie liegen lose auf der roten Huthaut und lassen sich abwischen oder vom Regen abspülen. Die ausführliche Erklärung finden Sie im Beitrag über die weißen Punkte auf dem Hut.
Genau diese Kombination aus Rot und Weiß hat den Fliegenpilz zu einer der bekanntesten Pilzfiguren überhaupt gemacht – vom Christbaumschmuck bis zum Videospiel. Wie das Motiv die Popkultur vom Videospiel bis zum Emoji erobert hat, lesen Sie separat.
Farbe als Merkmal getrockneter Kappen
Auch nach der Ernte bleiben die Farbstoffe empfindlich. Hohe Temperaturen, Licht und Feuchtigkeit lassen die Huthaut bräunlich und stumpf werden. Deshalb werden unsere Hüte schonend bei niedrigen Temperaturen getrocknet. Eine kräftige rot-orange bis rotbraune Färbung ist bei getrockneten Kappen ein guter Hinweis auf sorgfältige Verarbeitung, aber kein alleiniges Qualitätsmerkmal – weitere Kriterien nennt unser Ratgeber zur Qualität getrockneter Kappen.
Zu Hause gilt: trocken, dunkel und luftdicht lagern, damit die Farbe möglichst lange erhalten bleibt. Weitere Tipps finden Sie im Beitrag Fliegenpilz richtig lagern.
Fazit: Rote-Bete-Chemie im Wald
Das Rot des Fliegenpilzes stammt von Betalainen in der Huthaut – vor allem von orangen Muscaaurinen, rot-violettem Muscapurpurin und gelbem Muscaflavin. Weil diese Farbstoffe wasserlöslich und lichtempfindlich sind, verblassen Hüte durch Regen, Sonne und Alter. Eine Warnfunktion ist nicht nachgewiesen, und die Farbe ist nie ein Beleg für oder gegen Giftigkeit.
Wer das leuchtende Rot in die Sammlung oder Dekoration holen möchte, findet schonend getrocknete Fliegenpilz-Kappen aus dem Baltikum und Fliegenpilz-Pulver aus getrockneten Hüten im Shop – laborgeprüft, für Sammler, Deko und Forschung, nur ab 18 Jahren und nicht zum Verzehr bestimmt.
Häufige Fragen
Warum wird der Fliegenpilz orange?
Meist hat Regen einen Teil der wasserlöslichen Farbstoffe ausgewaschen, oder Sonne und Alter haben die Huthaut ausgebleicht. Seltener handelt es sich um eine von Natur aus orange Varietät.
Welche Farbe hat der Fliegenpilz innen?
Unmittelbar unter der Huthaut schimmert das Fleisch gelblich bis orange, im übrigen Hut und im Stiel ist es weiß. Auch Lamellen und Ring zeigen keine rote Färbung.
Sind rote Pilze immer giftig?
Nein, die Farbe ist kein verlässliches Merkmal für Giftigkeit. Es gibt rot gefärbte Speisepilze ebenso wie unscheinbare, tödlich giftige Arten, weshalb nur die Bestimmung aller Merkmale durch Fachleute Sicherheit gibt.
Weiterlesen im Fliegenpilz-Ratgeber
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Titelbild: Casey Helton, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons